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Kälber-ABC

"Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen." Astrid Lindgren


In Anlehnung an das Fohlen-ABC verwende ich für meine Arbeit mit jungen Rindern den Begriff Kälber-ABC. Damit meine ich keine starre Abfolge von Übungen und auch kein Ausbildungsprogramm, das in einem bestimmten Alter „abgehakt“ werden muss. Vielmehr beschreibt das Kälber-ABC für mich die grundlegenden Erfahrungen, die ein Kalb in den ersten Wochen und Monaten im Kontakt mit dem Menschen machen sollte.


Im Zentrum stehen dabei nicht Leistung oder Gehorsam, sondern Beziehung, Vertrauen und Freude am gemeinsamen Unterwegssein. Das Kälber-ABC bildet die Basis für alles Weitere, sei es im täglichen Handling, in der medizinischen Betreuung oder in einer späteren Ausbildung. Wie beim Fohlen-ABC geht es auch hier darum, dem jungen Tier einen guten Start zu ermöglichen, ohne es zu überfordern oder seiner Neugier und Eigeninitiative im Weg zu stehen.


Weniger Erwartungen, mehr Beziehung

Ich habe schon etliche Kälber ausgebildet und über die Jahre gemerkt, dass weniger oft mehr ist. Kälber sind wie Kinder. Sie wollen die Welt entdecken und sollen die Zeit mit dem Menschen geniessen. Wird es zu viel, verleidet es ihnen schnell und sie schalten aus Überforderung auf stur. Man muss sich immer bewusst sein, dass die Aufmerksamkeitsspanne eines Kalbes noch sehr kurz ist. Deshalb arbeite ich lieber nur ein paar Minuten täglich mit ihnen. Auch Fohlen müssen nicht von klein auf alles können.


Mein Ziel ist es mittlerweile, in den ersten Wochen und Monaten viel Zeit mit den Kälbern zu verbringen und eine Beziehung aufzubauen. Ich gewöhne sie an Berührung am ganzen Körper. Das lernen sie meist schnell zu schätzen. Zusätzlich sollen sie das Halfter spielerisch und kleinschrittig kennenlernen. Dabei achte ich darauf, dass das Halfter nicht in die Augen oder ans Maul kommt. Das Gesicht ist sehr sensibel. Wenn die Tiere merken, dass wir achtsam sind, halten sie deutlich besser still.


Erste Ausflüge ohne Vorgaben

Wenn das Halfteranziehen stressfrei klappt, unternehme ich erste Ausflüge. Anfangs darf das Kalb die Richtung bestimmen. So kann es seinen Bewegungsradius sanft kennenlernen. Dabei braucht es von meiner Seite viel Feingefühl, insbesondere bei plötzlichem Losspurten. Ziehe ich zu stark am Seil, können junge Kälber leicht hinfallen. Grundsätzlich achte ich auf eine feine Kommunikation über das Seil. Je feiner ich kommuniziere, desto feiner kann auch das Kalb reagieren.


Umwelttraining im Alltag

Ein wichtiger Teil des Kälber-ABC ist für mich das frühe, ruhige Kennenlernen der Umwelt. Dazu gehören Geräusche, Bewegungen und Situationen, die für das spätere Leben selbstverständlich sind, etwa Verkehr, landwirtschaftliche Maschinen, fremde Menschen oder andere Tiere.


Dieses Umwelttraining geschieht nicht gezielt oder geplant, sondern im Alltag. Beim Spazierengehen begegnen die Kälber Autos, Velos oder Traktoren. Sie hören Motoren, sehen Bewegungen und lernen, diese Reize einzuordnen. Entscheidend ist dabei weniger die Situation selbst als meine eigene Ruhe. Reagiere ich gelassen, orientiert sich das Kalb an mir.


Ich achte darauf, neue Eindrücke dosiert zuzulassen. Das Kalb darf stehen bleiben, schauen und verarbeiten. Es muss nicht „durch“. Ziel ist nicht Abstumpfung, sondern Sicherheit. Überforderung wirkt kontraproduktiv und kann nachhaltig Unsicherheit erzeugen.


Gerade im Strassenverkehr ist es wichtig, dass die Kälber lernen, ruhig am Halfter zu bleiben und auf feine Signale zu reagieren. Auch hier gilt: kurze Sequenzen, viele Wiederholungen im Alltag und kein Zwang. So entsteht mit der Zeit eine Gelassenheit, die später viel Sicherheit bringt, sowohl für das Tier als auch für den Menschen.


Schrittweise zur korrekten Führposition

Sobald die Kälber Freude an den Spaziergängen haben und verstanden haben, worum es geht, lasse ich sie für ein paar Schritte in der korrekten Führposition gehen. Diese Phase verlängere ich nach und nach, bis sie mit ein paar Monaten ausschliesslich in der korrekten Führposition laufen.


Klauen geben und angebunden stehen

Das Klauengeben übe ich ebenfalls spielerisch beim Putzen. Oft juckt es die Kälber an den Füssen. Wenn man sie dort krault, heben sie die Beine von selbst. Ich beginne dann, die Beine kurz festzuhalten, und steigere die Dauer langsam.


Das Anbinden übe ich erst, wenn die Kälber beim Spazieren gelernt haben, auf Zug am Halfter nachzugeben. Zu Beginn binde ich sie nur an, wenn ich bei ihnen bleibe. Währenddessen putze ich sie, damit sie ruhig bleiben. Anfangs entferne ich mich nicht von ihnen, damit ich sie beruhigen kann. Viele Kälber empfinden es als frustrierend, wenn sie mir plötzlich nicht mehr folgen können, und geraten dann in Stress. Wenn das ruhig klappt, entferne ich mich kurz ein paar Meter. Sobald sie sich beruhigt haben, gehe ich wieder zu ihnen zurück und lobe sie. Die Dauer und die Distanz vergrössere ich schrittweise, bis sie mich zeitweise auch nicht mehr sehen.


Was ein Kalb in den ersten Monaten lernen soll

Im Kälber-ABC steht für mich der Beziehungs- und Vertrauensaufbau im Zentrum. Die Kälber sollen Berührung am ganzen Körper kennen, sich ruhig das Halfter anziehen lassen, die Klauen geben lernen, halfterführig werden und Vertrauen ins Angebundensein entwickeln. Ebenso wichtig ist, dass sie ihre Umwelt schrittweise kennenlernen und lernen, neue Eindrücke ruhig einzuordnen.


All diese Erfahrungen sollen in einem Rahmen stattfinden, der dem Kalb Sicherheit gibt. Freude, Motivation und Neugier sind für mich zentrale Faktoren. Gehen diese verloren, wird jede weitere Ausbildung unnötig schwierig. Weniger ist mehr. Lieber einmal mehr gemeinsam kuscheln, als ständig ans Training zu denken.

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